Identität im Cyberspace - Perspektiven von Pierre Lévy

am 31. Januar 2008 durch Mark Buzinkay
Tags: , ,

Pierre Lévy, namhafter französischer Anthropologe hat mit seinem Klassiker “Collective Intelligence. Mankind’s emerging world in cyberspace” vor allem das Verständnis des Menschen neu beleuchtet:

  1. Avatare sind eine neue Art der Wissensrepräsentation. Die Welt des Wissens dreht sich um die Produktion sozialer Beziehungen.
  2. Virtuelle Welten erweitern die Möglichkeiten der Identität
  3. Die Identität bewegt sich im Wissensraum. Der Wissensraum ist gekennzeichnet durch ständig Erschaffung, Vernichtung, Veränderung und Kommunikation. Auslöser dieser Vorgänge sind Gedanken.
  4. Identität wird über Bilder erstellt.

Wie man aus diesen wenigen Zeilen ablesen kann, ist der Begriff der Identität (”Identität im Zeitalter des Internet“, “Erikson: What is Identity?“) derzeit ein sehr wichtiger. Auch Lévy geht darauf ein. In der Entwicklung der Menschheit, welche nach Lévy 4 Phasen durchlaufen hat bzw. gerade durchläuft, hat sich auch das Verständnis von Identität verändert.

In einer Zeit der Nomaden, da wurde Identität über die Zugehörigkeit zu einem Clan, zu einer Blutlinie definiert. Äußere Zeichen der Identität waren Masken, Namen, Tätowierungen, Totems, und die eigene Identität ist das Produkt aus einer engen Verbindung zu den Göttern und Mächten (Ahnen, Tiere, Geister) der Welt und des Kosmos.

Durch die Seßhaftwerdung der Nomaden verändert sich die Formung der Identität: der Mensch wird an den Boden gebunden und sein Status hängt von seiner Beziehung zum urbar gemachten Land ab: Landeigner, Pächter, Fürst, Tagelöhner, Sklave. Die Identität wird vom Haus, dem Land, dem politischen Territorium geprägt. Nach Lévy ist das Territorium aber nicht der einzige Faktor dieser Entwicklungsphase der Menschheit, der die Identität zu beschreiben vermag: Ränge, Titel, Medaillen, Hierarchien, Zertifikate und Zugehörigkeiten zu formalen Gesellschaften.

In der nächsten Stufe, der Phase der Weltökonomie, zerreißen die althergebrachten sozialen Bande und Identitäten. Identität wird fortan von der Familie, der Arbeitswelt und dem Geld geprägt. Wir sind, was wir uns leisten und zeigen können. Das Selbst wird zu einem Mikrobetrieb, der fortwährend aus dem Trieb der Selbstbestätigung produziert und konsumiert. Die Wurzel der Identität liegt in der Kindheit (siehe auch Erikson), aber im Gegensatz zum früheren Clan sind die Eltern der bestimmende Horizont.

In der jetzt sich entwickelnden Phase der kollektiven Intelligenz, entwickelt Lévy ein neues Bild, wie sich Identität bildet: Identität ist Teilhabe am System des gemeinsamen Lernens und Entwickelns. Die Identität wird folglich von den Artefakten und den Spuren, die man durch das explorative Tun im Cyberspace hinterläßt, definiert. Durch die Vielzahl der Avatare, die ein Individuum haben kann, erscheint es auch in multiplen Identitäten. In diesem Stadium nähert sich der Mensch wieder seinen nomadischen Wurzeln und bewegt sich in verschiedensten Welten.

Wenn ich dem Bild von Lévy folge, dann hat ein Nomade sehr wenig Gepäck bei sich, ist bestimmt durch die Karavane, der er angehört, und er ist mobil und anpassungsfähig. Er folgt gerne Pfaden, ist aber auch erkundungsfreudig. Ist das das Fahndungsbild des virtual workers, des nur im Web sichtbaren Menschen, der dort sein Heim hat (Territorium), dort arbeitet (Ökonomie) und unter vielen Identitäten handelt und denkt?

Bibliographische Angaben:
Pierry Lévy: Collective Intelligence. Mankind’s emerging world in cyberspace.
Cambridge, MA, 1999.
Weitere Info hier

Veröffentlicht unter Konzepte, Social Network |

Related Posts:

  • None

Hinterlassen Sie ein Kommentar

Bitte beachten Sie: Kommentare sind moderiert und verzögern das Erscheinen Ihres Kommentars. Geben Sie Ihren Kommentar nicht ein weiteres Mal ein.